Nicht dem Leben mehr Tage hinzufügen,
sondern den Tagen mehr Leben geben

Serie „Am Ende des Lebens“

Dezember 5, 2018

v.l. Doris Plat (ehrenamtliche Sterbebegleiterin), Mechthild Thorenz (Koordinatorin) und Johannes Kappen (ehrenamtlicher Sterbebegleiter).

 

Sterbebegleiter erzählen über ihre Erfahrungen

In atemberaubender Nähe

 

Am Anfang steht stets diese „gesunde Spannung“, wie Doris Plat es formuliert. Es ist fast wie das Lampenfieber eines Künstlers vor dem Auftritt. „Da muss man alle Sensoren auf Empfang haben“, ergänzt ihr Kollege Johannes Kappen. Die beiden sind ehrenamtliche Sterbebegleiter bei der Hospizbewegung St. Josef. Kappen ist seit 2008 dabei, Plat seit 2014. Jahre, in denen über ihr Ehrenamt Sterben, Tod und Trauer Einzug in ihr Leben gehalten haben. Jahre, über die Johannes Kappen sagt: „Ich bereue keinen Tag. Denn tiefer als bei dieser Arbeit kann man in die Seele eines Menschen nicht eindringen.“

Doris Plat (l.) und Johannes Kappen (beide ehrenamtliche Sterbebegleiter) sowie Mechthild Thorenz (Koordinatorin und früher ebenfalls ehrenamtlich als Sterbebegleiterin im Einsatz) haben von ihrer Arbeit erzählt, die stets mit Sterben und Tod zu tun hat. Foto: Frank Zimmermann

Der 72-Jährige nennt zwei Erfahrungen, die ihm Motivation für sein Engagement waren: Bei einem dreitägigen Klinikaufenthalt kam er in Berührung mit Patienten und Angehörigen, unter anderem von der Kinderkrebsstation. Das weckte in ihm den Wunsch, diesen Menschen helfen zu können. Zum anderen faszinierten ihn Menschen wie Polizisten, Feuerwehrleute oder Notfallseelsorger, die sich immer wieder Extremsituationen aussetzen müssen. Er hörte ein Radio-Interview mit dem Klinik-Seelsorger Bert van der Post, der an der Kölner Universitätsklinik Hunderte Menschen in den Tod begleitet habe. „Das hat mir imponiert“, sagt Johannes Kappen. Als die Hospizbewegung dann einen Befähigungskurs für Sterbebegleiter anbot, meldete er sich an.

Einen solchen Kurs hat auch Doris Plat absolviert. Sie zog ihre Motivation aus einer persönlichen Betroffenheit: „Meine Eltern hatten ein gewisses Alter erreicht, und mein Vater starb dann relativ schnell. Da wollte ich Hintergründe zu dem Thema wissen, meiner Mutter helfen können. Was man kennt, ist nicht mehr so erschreckend.“

Recht bald nach ihrer Qualifikation kam die erste Betreuungsanfrage. „Da fällt einem dann doch schnell das Herz in die Hose“, sagt sie schmunzelnd. Doch die 67-Jährige ließ sich davon nicht abhalten. So begleitete sie eine ältere Dame, die zunächst ins Krankenhaus, dann in eine Kurzzeitpflege und schließlich ins Hospiz kam. „Ich habe sie mehrfach besucht, saß neben ihr, auch als sie sich nicht mehr artikulieren konnte – das war gut“, erinnert sich Doris Plat an ihre Gefühle und ergänzt: „Man nimmt aus jeder Begleitung etwas mit.“

Den Faden greift Johannes Kappen wieder auf, erzählt von einem Ehepaar, das er begleitet hat, als der Mann im Sterben lag. Zwei Wochen stand er im Kontakt mit den beiden, „die nur sich hatten. Beide um die 80 Jahre alt und seit rund 60 Jahren verheiratet“. Es sei „atemberaubend“, sagt Johannes Kappen, wie gut man Menschen in nur zwei Wochen kennenlernen könne.

Was die Sterbebegleiter genau machen, hängt vom Einzelfall ab. Gespräche führen, zuhören und da sein gehört aber immer dazu. Am Bett sitzen, auch wenn der Sterbende sich nicht mehr äußern kann, das hilft dem Sterbenden und den Angehörigen gleichermaßen. „Dann hüllt man den Patienten gewissermaßen mit seinem Geist ein, umgibt ihn warm“, schildert Doris Plat. „Man kommt mit dem Atem des Patienten in Einklang – es dürfen nur nicht zu viele Aussetzer dabei sein“, sagt Johannes Kappen und lacht. Es ist ein Beispiel für den Humor des Rheinländers. Humor und Musik, das sind für ihn ganz wichtige Aspekte seiner Arbeit.

Das „nur“ Dasitzen sei ein echter Kraftakt, bestätigt Mechthild Thorenz, die auch als ehrenamtliche Sterbebegleiterin aktiv war, ehe sie hauptamtliche Koordinatorin wurde. „Es ist schwierig, aushalten zu müssen, wenn das Gegenüber nichts mehr sagt, sprachlos ist“, weiß sie aus eigener Erfahrung und aus den Berichten der Sterbebegleiter, deren Einsätze sie koordiniert. Dafür muss sie die Menschen gut kennen, denn zwischen Sterbendem und Begleiter „muss es passen“. Dass es nicht passt, komme erfreulicherweise so gut wie nie vor.

Gut 50 ehrenamtliche Sterbebegleiterinnen sind für die Hospizbewegung aktiv, Kappen ist zurzeit der einzige Mann. Zwei Kollegen sind inzwischen selbst verstorben. Das bedauert er. „Wir waren so ein Clübchen und konnten uns von Mann zu Mann austauschen.“ Doch weitermachen will der 72-Jährige trotzdem: „Erst vor zwei Tagen habe ich eine Begleitung abgeschlossen und begleite zurzeit meine Schwiegermutter, die auch im Sterben liegt.“

Das klingt in den Ohren Außenstehender vielleicht bedrückend. Ist es aber nicht, sagen die Sterbebegleiter. „Man muss auf sich selber achten, darf nicht den Helden spielen wollen“, sagt Kappen. Erwähnenswert sei auch die gute Zusammenarbeit mit Ärzten, Pflegediensten, Krankenhäusern und Altenheimen, ergänzt er. „Ich achte darauf, dass ich nach jeder Begleitung eine längere Pause habe. Ich hatte zwar noch nie eine Situation, unter der ich sehr gelitten hätte, aber manchmal schleppt man ja auch etwas Privates mit sich rum“, sagt Doris Plat. Das könne sie dann in der Supervision besprechen. „Man muss nur den Mut haben, über alles zu reden.“

Neben der Supervision loben Doris Plat und Johannes Kappen auch die Koordinatorinnen der Hospizbewegung. Neben Thorenz sind das Monika Mersmann und Silvia Rickert-Ehrlichmann. „Es tut gut zu wissen, dass immer eine Koordinatorin im Hintergrund ist.“ Über das Diensthandy sind sie jederzeit zu erreichen. Wie aufs Stichwort klingelt das Telefon und Mechthild Thorenz verlässt den Raum. „Das war jetzt so ein Fall“, erklärt sie, als sie zurück kommt. Eine Sterbebegleiterin hatte sie um Rat gefragt, weil es zu einem Streit zwischen dem Sterbenden und seinem Bruder gekommen sei.

Zu Beginn des Pressegesprächs ist sie auch im Raum zu spüren, diese „gesunde Spannung“, mit der Plat und Kappen sonst in eine neue Begleitung gehen. Doch am Ende hat sie sich gelöst. Es war ein gutes Gespräch, aus dem der Journalist viel mitnimmt.